35 % der Deutschen fühlen sich wohl mit der Nutzung von Gesichtserkennungssoftware

Veröffentlicht am 29.11.2021 von Rosalia Pavlakoudis

 35 % der Deutschen fühlen sich wohl mit der Nutzung von Gesichtserkennungssoftware Header

Die biometrische Gesichtserkennung wird trotz datenschutzrechtlicher Bedenken, Vorwürfen von diskriminierenden Algorithmen und deutlichem Gegenwind aus dem EU-Parlament zur biometrischen Gesichtserkennung im öffentlichen Raum bereits in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens eingesetzt und vorangetrieben – sei es bei der Passkontrolle, der polizeilichen Überwachung, bei der Entsperrung des Smartphones oder dem Einkauf im Supermarkt.

So funktioniert die biometrische Gesichtserkennung

Nachdem wir einen Blick auf die Einstellung zur biometrischen Authentifizierung im Allgemeinen geworfen haben, verraten wir im zweiten Teil der von Software Advice durchgeführten Umfrage, was 1024 Deutsche über Gesichtserkennung denken. Wie wohl fühlen sich die Menschen mit der Verwendung von Gesichtserkennung als Methode der Authentifizierung? An welchen Anwendungsbereichen dieser Technologie besteht das größte Interesse? Ein Scan der öffentlichen Meinung darüber, welche Formen der Gesichtserkennung eine Zukunft haben. Die vollständige Methodik findest du am Ende des Artikels.

Gemischte Gefühle gegenüber der Verwendung von Gesichtserkennung im Allgemeinen 

Die biometrische Gesichtserkennung im Alltag ist bereits weit verbreitet. Seit 2010 beispielsweise ist es in Deutschland Pflicht, biometrische Passbilder für Ausweisdokumente zu nutzen. Auch bei der Entsperrung des Smartphones per Face ID kommt die Technologie zum Einsatz.

Unserer Umfrage zufolge ist die Meinung in der Bevölkerung gespalten. 35 % der Teilnehmer fühlen sich mit der Verwendung von Gesichtserkennung “wohl” bis “sehr wohl”, 37 % “eher unwohl” bis “sehr unwohl”. 

So wohl fühlen sich die Deutschen mit der Gesichtserkennung im Allgemeinen.

Uns interessierten darüber hinaus spezielle Anwendungsbereiche der Gesichtserkennung. Deshalb baten wir die Teilnehmer zu bewerten, wie wohl sie sich mit dem Einsatz von biometrischer Gesichtserkennungssoftware in den folgenden Bereichen fühlen.

62 % der Deutschen begrüßen die Gesichtserkennung bei der Passkontrolle

An einigen deutschen Großflughäfen ist die Passkontrolle per Gesichtserkennung bereits Realität. Mit dem sogenannten “EasyPASS”, einem teilautomatisierten Grenzkontrollsystem, wird mit kürzeren Warteschlangen im Vergleich zur manuellen Kontrolle geworben. Um den “EasyPASS” nutzen zu können ist ein ePass nötig, auf dem die biometrischen Daten seines Eigentümers gespeichert werden. Hierbei ermittelt eine Gesichtserkennungssoftware, ob das Gesicht des Reisenden mit dem biometrischen Lichtbild seines Ausweisdokuments übereinstimmt.

Die Mehrheit (62 %) der Befragten finden die Gesichtserkennung bei der Passkontrolle gut. Nur 18 % fühlen sich damit “unwohl” bis “sehr unwohl”. 

Deutsche heißen die Verwendung von Gesichtserkennungssoftware bei der Passkontrolle gut.

41 % akzeptieren die Gesichtserkennung zum Zwecke der polizeilichen Überwachung 

Im Juli 2018 schloss das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) ein Pilot-Projekt zur automatisierten Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz ab. Mit dem Feldversuch sollte festgestellt werden, ob die moderne Technik die Bundespolizei in ihrer Fahndung nach Terroristen, Gefährdern und Straftätern unterstützen könne. Während das BMI das Projekt als Erfolg lobt, der zeigt, wie Gesichtserkennungssysteme die Polizeiarbeit effizienter und effektiver machen können, teilen andere diese Begeisterung nicht.

Datenschützer kritisieren, dass weit mehr Daten der Teilnehmer erfasst werden als vereinbart, was einen erheblichen Vertrauensverlust zufolge hat sowie die zu Beginn des Versuchs eingeholte datenschutzrechtliche Einwilligung der Teilnehmer hinfällig macht. 

Zudem werden immer mehr Menschen von der Polizei mittels Gesichtserkennung identifiziert. Im Mai 2016 waren erst rund 4,86 Millionen Lichtbilder von 3,34 Millionen Menschen bei den Sicherheitsbehörden hinterlegt, Anfang 2020 bereits mehr als 5,8 Millionen. Mit einer zunehmenden Erhebung biometrischer Daten können immer umfangreichere Personenprofile erstellt werden. Dies macht Datendiebstahl immer attraktiver. Trotz dieser Bedenken plant Deutschland die Einführung der automatisierten Gesichtserkennung in weiteren 134 Bahnhöfen und 14 Flughäfen (Link in Englisch). Unsere Umfrageteilnehmer nehmen den Einsatz der Gesichtserkennung für die polizeiliche Überwachung insgesamt eher als Positives wahr. 41 % fühlen sich damit “wohl” bis “sehr wohl”, 33 % “eher unwohl” bis “sehr unwohl”.

Deutsche fühlen sich unwohl mit der Nachverfolgung der Mitarbeiteranwesenheit durch Gesichtserkennung.

Gesichtserkennung im Einzelhandel und für personalisierte Werbung kommen bei 50 % der Deutschen nicht gut an 

Kameras, die jeden Schritt eines Kunden verfolgen, Software, die erfasst, in welchen Abteilungen sich der Kunde wie lange aufhält, welchen Aufschluss seine Mimik über seine Stimmung gibt, um dann gezielt Kaufempfehlungen auszustellen. Solche Szenarien erinnern an futuristische Dystopien wie “Minority Report” aus dem Jahr 2002, sind aber schon Realität. Firmen wie FaceMedia aus Bratislava zum Beispiel versprechen, 95 % der Kunden verfolgen und einschätzen zu können.

Der Einsatz von Gesichtserkennung im Einzelhandel soll Kunden ein besseres Kauferlebnis bieten. So starteten etwa 40 Real-Läden und 40 Post-Filialen in 2016 einen Feldversuch mit der Gesichtserkennung von Kunden, um ihr Kaufverhalten zu analysieren. Damit könnten zum Beispiel umfangreiche Profile und personalisierte Werbeinhalte erstellt werden.

Die Resonanz in unserer Umfrage fällt dazu eher negativ aus. 50 % der Teilnehmer, dass sie sich mit der Gesichtserkennung im Einzelhandel “eher unwohl” bis “sehr unwohl” fühlen. Dagegen fühlen sich 21 % damit “wohl” bis “sehr wohl”. 

Deutsche fühlen sich unwohl mit dem Einsatz von Gesichsterkennungssoftware im Einzelhandel.

Auch die personalisierte Werbung stößt tendenziell auf Ablehnung. Hier erklärten sogar 62 %, sich damit “eher unwohl” bis “sehr unwohl” zu fühlen.

Germans do not agree to face recognition for personalized advertising content.

58 % fühlen sich mit Emotionsanalysen mithilfe von Gesichtserkennung unwohl 

Software zur Erkennung von Gesichtsausdrücken kann zur Analyse von Emotionen verwendet und in unzähligen Bereichen eingesetzt werden, wie der Marktforschung und Retail Analytics, Kognitive Robotik und Medizintechnik. Auch in der Automobilindustrie wird das Erkennen von Gefühlen während des Fahrens immer wichtiger und der Fahrer selbst zum Objekt der Datensammlung mit Gesichtserkennungsprogrammen von Unternehmen wie dem US-Startups Affectiva und Eyeris . Andere Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter und wenden die Emotionsanalyse als automatisierte Vorsortierung bei Vorstellungsgesprächen an.

Die Mehrheit der Befragten sehen diese Entwicklung eher kritisch. 58 % gaben an, sich mit der Emotionsanalyse “eher unwohl” bis “sehr unwohl” zu fühlen, 16 % finden es dagegen unproblematisch und fühlen sich damit “wohl” bis “sehr wohl”.

Alt: Deutsche haben Vorbehalte gegen Gesichtserkennungssoftware für Emotionsanalysen.

Die Nachverfolgung der Mitarbeiteranwesenheit stellt für 53 % der Befragten keine annehmbare Option dar

Stempelkarten, mit denen die Personalabteilung nachvollziehen kann, wann ein Mitarbeiter zur Arbeit antritt und sie wieder verlässt, gehören vielerorts schon längst der Vergangenheit an. Die Automatisierung der Zeiterfassung mithilfe von Gesichtserkennungssoftware erlaubt Unternehmen die zuverlässige und fehlerfreie Registrierung ihrer Mitarbeiter in Echtzeit. Maßnahmen zur Mitarbeiterüberwachung, welche die Nachverfolgung der Mitarbeiteranwesenheit ebenfalls einschließt, sind in Deutschland grundsätzlich nur unter Einhaltung des Bundesdatenschutzgebsetzes und häufig nur mit vorangegangener Zustimmung der Mitarbeiter erlaubt.

Nichtsdestotrotz fühlen sich nur 19 % der Umfrageteilnehmer mit dieser Art der Überprüfung der Anwesenheit am Arbeitsplatz “wohl” bis “sehr wohl”. Die Mehrheit (53 %) fühlt sich damit “eher unwohl” bis “sehr unwohl”.

Deutsche fühlen sich unwohl mit der Nachverfolgung der Mitarbeiteranwesenheit durch Gesichtserkennung.

48 % sprechen sich für Gesichtserkennung bei Entsperrung des Smartphones aus

Die Gesichtserkennung beim Smartphone hat klare Vorzüge. Weder muss man sich ein Passwort merken, noch kann jemand beim Eintippen abgucken. Es ist zudem bequem und zeitsparend. 48 % unserer Umfrageteilnehmer fühlen sich “wohl” bis “sehr wohl” mit der Anwendung der Gesichtserkennungstechnologie beim Entsperren ihres Smartphones, 26 % eher “unwohl” bis “sehr unwohl”. 

Deutsche finden die Anwendung von Gesichsterkennung für die Entsperrung von Smartphones gut.

Die Technologie ist jedoch nicht 100 % sicher und es ist möglich wie, manche Geräte mit ausgedruckten und vor die Handykamera gehaltenen Fotos ihrer Besitzer zu überlisten. Das Vertrauen in die Technologieunternehmen, die diese sensiblen Daten sammeln, kann ebenfalls ein Problem darstellen, wenn Bedenken bestehen, dass sie sensible Daten an Dritte weitergeben könnten.

Big Tech und Gesichtserkennung: Im Kreuzfeuer der Kritik

Dass diese Bedenken nicht unbegründet sind zeigen immer wieder aufkommende Meldungen rund um die umstrittene Verarbeitung und Weitergabe von (biometrischen) Nutzerdaten. Einer der wohl prominentesten Fälle ist die unerlaubte biometrische Erfassung und Speicherung der Gesichter von Mitgliedern der Social-Media-Plattform Facebook. Der Konzern musste deshalb 550 Millionen US-Dollar (circa 499 Millionen Euro) an Schadensersatz zahlen. Facebook gab kürzlich bekannt, die Gesichtserkennungs-Funktion nun auf der Plattform abzuschalten und die gespeicherten Daten von mehr als einer halben Milliarde Menschen zu löschen.

Ob dies allerdings das Vertrauen in die Plattform wiederherstellen kann, ist fraglich. So gaben 63 % unserer Befragten an, “eher geringes” bis “kein Vertrauen” in den Megakonzern zu haben, während nur 12 % sagten, sie brächten dem Unternehmen “eher hohes” bis “hohes” Vertrauen entgegen.

Amazon wurde in den letzten Jahren ebenfalls heftig kritisiert, nicht zuletzt auch wegen der Bereitstellung von Gesichtserkennungssoftware an Regierungen. Hier fiel das Vertrauen der Umfrageteilnehmer etwas höher aus. Demnach haben 28 % “eher hohes” bis “hohes” Vertrauen in das Unternehmen, ihre biometrischen Daten ordnungsgemäß zu verwalten, 39 % dagegen “eher geringes” bis “kein Vertrauen”.

Einsatz von Gesichtserkennung in Unternehmen

Im Allgemeinen scheinen sich die Deutschen mit denjenigen Einsatzgebieten der Gesichtserkennung wohler zu fühlen, die entweder der Sicherheit dienen sollen (Passkontrolle, Polizeiüberwachung) oder mit der die Menschen bereits vertrauter sind (Entsperrung des Smartphones). Dagegen begrüßen sie die Technologie nicht, wenn es um Konsum geht, beispielsweise beim Einkaufen oder zwecks personalisierter Werbung.

Klar ist: Gesichtserkennungssoftware birgt enormes Potenzial, aber auch hohe Risiken. Es müssen Wege gefunden werden, um dieses Potenzial zu nutzen, ohne das Recht auf Freiheit und den Schutz der Privatsphäre zu gefährden. 

Wie geht es weiter? Wirf einen Blick auf unser Authentifizierungssoftware-Verzeichnis, um das passende Tool zu finden.

Methodologie 

Um die Daten für diese Studie zu erheben, haben wir von Software Advice im Oktober 2021 eine Online-Umfrage durchgeführt, an der 1024 Personen teilgenommen haben. Die Kriterien für die Auswahl der Teilnehmer sind:

  • Sie sind in Deutschland wohnhaft
  • Sie sind über 18 Jahre alt
  • Sie sind in Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt, Studenten oder pensioniert

Die Stichprobe der Teilnehmer ist repräsentativ für die Bevölkerung Deutschlands.

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Über den Autor oder die Autorin

Content Analyst für Software Advice. Absolventin der HHU Düsseldorf, wohnhaft in Barcelona. Am Wochenende findet man mich meistens am Strand oder beim Brunch.

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